"Jetzt haben Sie zehn Minuten Zeit zum Netzwerken."
Kaum ein Satz sorgt auf einer Veranstaltung für so unterschiedliche Reaktionen.
Die einen stehen auf, gehen selbstbewusst auf andere zu und beginnen mühelos ein Gespräch. Andere greifen reflexartig zum Smartphone, holen sich noch einen Kaffee oder suchen den nächstbesten Kollegen, den sie bereits kennen.
Dabei verfolgen beide Gruppen dasselbe Ziel: Sie möchten sich in der Situation wohlfühlen.
Networking gehört heute zu den meistgenannten Zielen von Kongressen, Tagungen und Unternehmensevents. Gleichzeitig empfinden viele Menschen genau diesen Programmpunkt als den anstrengendsten des Tages.
Das liegt nicht daran, dass sie keine neuen Menschen kennenlernen möchten.
Es liegt daran, wie Networking häufig organisiert wird.
Der Mensch ist ein soziales Wesen. Gleichzeitig ist er darauf programmiert, unbekannte Situationen zunächst vorsichtig zu bewerten.
Psychologen sprechen in diesem Zusammenhang von Unsicherheitsreduktion.
Gerade in neuen sozialen Kontexten beobachten Menschen zunächst ihre Umgebung: Wer kennt wen?
Welche Gesprächsgruppen gibt es bereits?
Wo passe ich hinein?
Welche unausgesprochenen Regeln gelten hier?
Diese Phase dauert oft nur wenige Sekunden – sie entscheidet jedoch maßgeblich darüber, ob sich jemand öffnet oder zurückzieht.
Der Sozialpsychologe Robert Cialdini beschreibt mit dem Prinzip des Social Proof, dass Menschen sich in unsicheren Situationen am Verhalten anderer orientieren.
Bilden sich schnell geschlossene Grüppchen, wird es für Außenstehende deutlich schwieriger, Anschluss zu finden. Entstehen dagegen offene Gesprächskreise und niedrigschwellige Begegnungen, fällt der erste Schritt wesentlich leichter.
Networking beginnt deshalb nicht mit einer Aufforderung.
Es beginnt mit einem Umfeld, das Sicherheit vermittelt.
Im Veranstaltungsbereich wird häufig davon gesprochen, Menschen aus ihrer Komfortzone holen zu wollen.
Der Begriff klingt motivierend, greift jedoch zu kurz.
Denn die Komfortzone ist kein Ort der Bequemlichkeit. Sie ist ein psychologischer Schutzraum. Hier fühlen wir uns kompetent, orientiert und sozial sicher.
Verhaltensforscher unterscheiden deshalb zwischen der Komfortzone und der sogenannten Lernzone. Genau dort entstehen neue Erfahrungen, weil Herausforderungen zwar ungewohnt, aber noch bewältigbar sind.
Wird diese Grenze überschritten, entsteht keine Offenheit, sondern Stress.
Genau das passiert bei vielen klassischen Networking-Formaten.
Spontane Vorstellungsrunden vor hundert Menschen. Erzwungene Kennenlernspiele. Gesprächsaufgaben ohne erkennbaren Anlass.
Was eigentlich Nähe schaffen soll, erzeugt häufig das Gegenteil.
In unserer Arbeit erleben wir immer wieder, dass die besten Gespräche selten während offizieller Networking-Slots entstehen.
Sie entwickeln sich dort, wo Menschen etwas Gemeinsames erleben.
Beim gemeinsamen Blick auf eine Installation. Beim Warten auf einen Kaffee. Während einer interaktiven Demonstration. Beim Austausch über einen Vortrag oder eine überraschende Idee.
Das ist kein Zufall.
Menschen kommen leichter miteinander ins Gespräch, wenn ihre Aufmerksamkeit zunächst auf etwas Drittes gerichtet ist. Kommunikationswissenschaftler sprechen hier vom gemeinsamen Bezugspunkt. Er nimmt den Druck aus der Situation, weil das Gespräch nicht mit der eigenen Person beginnen muss.
Die Frage lautet dann nicht mehr:
"Wer sind Sie?"
Sondern:
"Wie fanden Sie den Vortrag?"
Oder:
"Haben Sie das gerade auch gesehen?"
Aus kleinen Bemerkungen entstehen oft die Gespräche, die in Erinnerung bleiben.
Deshalb sollte Networking nicht als eigener Programmpunkt verstanden werden.
Es sollte eine Eigenschaft der gesamten Veranstaltung sein.
Raumgestaltung spielt dabei eine ebenso große Rolle wie Dramaturgie.
Runde Stehtische fördern Austausch besser als lange Reihen. Sitzlandschaften laden eher zum Verweilen ein als weitläufige Hallen. Moderierte Übergänge zwischen Programmpunkten verhindern, dass Menschen orientierungslos auseinanderlaufen. Gastgeberinnen und Gastgeber, die aktiv Kontakte herstellen, senken die Hemmschwelle erheblich.
Oft reichen kleine Impulse.
Ein gemeinsames Erlebnis.
Eine offene Frage.
Ein Anlass zum Schmunzeln.
Nicht mehr.
Vielleicht liegt genau darin das Missverständnis.
Networking ist kein Programmpunkt, den man abhaken kann.
Es ist das Ergebnis einer Atmosphäre.
Menschen erinnern sich selten daran, dass sie zwanzig Minuten Zeit zum Netzwerken hatten.
Sie erinnern sich an die Person, die sie dort kennengelernt haben.
An das Gespräch, das unerwartet spannend wurde.
An die Idee, die daraus entstanden ist.
Diese Begegnungen lassen sich nicht erzwingen.
Aber sie lassen sich ermöglichen.
Und genau darin liegt die eigentliche Kunst guter Veranstaltungsplanung.
Denn erfolgreiche Events bringen Menschen nicht mit Druck aus ihrer Komfortzone.
Sie schaffen einen Rahmen, in dem sie diese freiwillig verlassen.
Eure Agentur Passepartout
Events mit Herz und Verstand.